Die Fischarten der Boize,
Bericht von 2003, Nachträge siehe Ende der Seite !
Boize
Renaturierung
Pflanzenmahd
Fliessgewässerschutz
Boizenburg
Wasserrahmenrichtlinie
Pro Boize
Boizenburg
Boizenburg
Boizenburg
Der Fischbestand der Boize oberhalb Boizenburgs setzt sich aus folgenden Fischarten zusammen:

Gegenwärtig vorhanden:
Aal (Anguilla anguilla)
Dreistachliger Stichling (Gasterosteus aculeatus)
Hecht (Esox lucius)
Gr√ľndling (Gobio gobio)
Hasel (Leuciscus leuciscus)
Aland (Leuciscus idus)
Plötze (Rutilus rutilus)

Verschollen bzw. √ľber einen l√§ngeren Zeitraum hinweg nicht mehr beobachtet bzw. gefangen:

Neunstachliger Stichling (Pungitius pungitius)
Barsch (Perca fluviatilis)
Döbel (Leuciscus cephalus)
Steinbeisser (Cobitis taenia)
Bachforelle (Salmo trutta f. fario)
Ukelei (Alburnus alburnus)
Quappe (Lota lota)

Im Auslaufbereich der Boize auf dem Gebiet der Stadt Boizenburg ist die Boize als Teil der ehemaligen Park- und Wallanlagen seit Jahrhunderten ausgebaut und teilweise teichartig erweitert worden. Sie ähnelt einem flachen Hecht-Schlei-See.

Dort kommen zusätzlich vor:

Karpfen (Cyprinus carpio)
Schleie (Tinca tinca)
Rotfeder (Scardinius erythropthalmus)
Brassen (Abramis brama)
G√ľster (Blicca bj√∂rkna)
Karausche (Carassius carassius)
Giebel (Carassius auratus gibelio)

Anmerkung: Bei der anschlie√üenden Bewertung bleibt der Boizenburger Stadt-Bereich mit Wallgraben, Pfitzenteich und Heller wegen seiner vom sonstigen Boize-Charakter deutlich abweichenden Morphologie und √Ėkologie unber√ľcksichtigt.

Bewertung:
Die Boize stand urspr√ľnglich als Gew√§sser ohne Querverbauung mit der Elbe in Verbindung, so dass grunds√§tzlich davon ausgegangen werden muss, dass alle Fischarten des Schaale-Sude-Elbe-Systems zumindest tempor√§r auch in der Boize vorkamen. Typisch f√ľr die Boize war ein rheophiler Fischbestand, der durch str√∂mungstolerante Arten erg√§nzt wurde.

Charakteristisch nach Schilderung √§lterer Angler waren gro√üe Best√§nde frohw√ľchsiger Hasel und Gr√ľndlinge und ein sehr guter Aalbestand. Anglerisch bedeutsame Best√§nde bildeten ebenfalls Aland, Pl√∂tze, Barsch und Hecht. Die Arten Dreistachliger Stichling, Neunstachliger Stichling, D√∂bel, und Steinbeisser standen im Vergleich zu den erstgenannten deutlich zur√ľck bzw. wurden wegen ihrer anglerischen Bedeutungslosigkeit nicht ausreichend wahrgenommen, so dass keine Bestandsaussagen m√∂glich sind. Ebenso unklar ist der Status der Bachforelle, die hin und wieder in den F√§ngen der Angler vertreten war.

Gegenwärtig wird der Fischbestand durch vier euryöke Fischarten dominiert:
Aal, Dreistachliger Stichling, Gr√ľndling und Hecht. Alle andere vorkommenden Arten treten im Gesamtbestand so weit zur√ľck, dass ihre Vorkommen (gemessen an ihrer H√§ufigkeit) nur noch als "gelegentlich" bis "vereinzelt" bezeichnet werden k√∂nnen.

Grundsätzlich ist der größere Artenreichtum im untersten Abschnitt der Boize ab etwa Höhe Pumpstation Heidehof stromab zu beobachten. Je weiter stromauf, desto artenärmer wird die Boize, bis sich der Fischbestand ausschließlich auf die vier eingangs genannten dominanten Arten reduziert.
Mit Besatz wird gegenw√§rtig nur der Aalbestand gest√ľtzt, und selbst das aus Kostengr√ľnden nur in geringem Umfang. Alle anderen Arten halten sich auf niedrigem Niveau ausschlie√ülich durch nat√ľrliches Ablaichen (Naturverlaichung). Versuche einzelner Angelvereine, auf ihren Boizeabschnitten einen artenreichen und naturnahen Fischbestand mit einem ausgewogenen R√§uber-Beute-Verh√§ltnis "von au√üen" durch Fisch-Besatz zu etablieren, m√ľssen nach verschiedenen Versuchen als gescheitert betrachtet werden. Diese Versuche wurde mangels Erfolg durch die Vereine selbst eingestellt.

Gegenw√§rtig muss festgestellt werden, dass die Boize ihre potentielle fischereiliche Produktivit√§t nicht einmal ansatzweise erbringt, da die Fischdichte pro Fl√§cheneinheit f√ľr ein derartiges Gew√§sser und im Vergleich beispielsweise zur nahen Schaale viel zu gering ist. Interessant ist au√üerdem, dass diese Produktivit√§t eigenartigerweise weder auf dem extensiven Weg (Naturverlaichung) noch auf dem intensiven Weg (Fischbesatz) erreicht werden kann (s.o.).

Die Gesamtheit aller Ursachen daf√ľr kann man nur vermuten. Mit Sicherheit spielen aber Verbauung und Begradigung eine ganz entscheidende Rolle. Deren Folgen sind unter anderem die Unterbrechung der jahreszeitlich bedingten Fischwanderungen zwischen Laich- und Fresspl√§tzen sowie Verschlickung und Versandung des Kies-Interstitials als Laichsubstrat und Kinderstube der rheophilen Fischarten.

Gleichzeitig bewirkt das Offenhalten der Wehre in der kalten Jahreszeit und bei Hochwasser-Situationen mit einhergehender starker Str√∂mung in einem weitgehend strukturfreien Gew√§sser wie der Boize eine unkontrollierte Verdriftung der Fischlarven und Jungfische, die dadurch oftmals gleich jahrgangsweise f√ľr die Verj√ľngung/Erg√§nzung des Fischbestandes verloren sind.

Hierbei macht sich auch der Mangel der Boize an str√∂mungsberuhigten Sekund√§rstrukturen wie Altarme und Altwasser, Gumpen und Auskolkungen bemerkbar. Solche Strukturen stellen die nat√ľrlichen R√ľckzugsgebiete der Ichthyofauna bei Hochwasser- und √úberwinterungssituation dar.
Wo sie fehlen, sind die Verluste bei der √úberwinterung und bei Hochwasser selbst unter adulten Tieren √ľberdurchschnittlich hoch, da die f√ľr ein ungesch√ľtztes Behaupten in scharfer Str√∂mung notwendigen Stoffwechselleistungen im winterlich kalten Wasser nur eingeschr√§nkt erbracht werden k√∂nnen.

Ferner spielen vermutlich auch die landwirtschaftliche Nutzung der Ufer bis unmittelbar ans Wasser eine nicht zu untersch√§tzende Rolle f√ľr die Fischwelt. Die unkontrollierte Beweidung der Ufer bis ans Wasser bewirkt die Zerst√∂rung der Ufervegetation und eine Verdichtung des Ufersubstrats durch Hufschlag.
Neben dem offensichtlichen Effekt des Deckungs-Verlustes f√ľr Jungfische gibt es infolge dessen noch einen zweiten, weniger bekannten Effekt:
Eisenverbindungen (Stichwort "Raseneisenerz") im Boden werden mobilisiert und √ľber Sicker-/Regen-/Drainage-Wasser sowie durch Meliorationsgr√§ben ins Gew√§sser eingeschwemmt. Sichtbar wird das an Hotspots unter anderem durch "Rost"-Ausf√§llungen im Ufersand und schlierige, "√∂lig" wirkende Oberfl√§chenfilme. Die toxische Wirkung solcher Eisenverbindungen aufgrund ihrer kiemensch√§digenden Wirkung ist zumindest f√ľr einzelne Fischarten und f√ľr Jungfische in der Literatur belegt.

Weitere schädigende Faktoren, deren Relevanz hier nichts abgeschätzt werden kann, sind diffuse Nährstoff-Einträge durch die Landwirtschaft sowie die Direkt-Einleitung ungeklärten Oberflächenwassers von der A 24 und eisen- sowie nährstoffbelasteten Wassers aus (Klär?-)Teichen und Absetzbecken im Gewerbegebiet Gallin.

Fazit:
Die begradigte, naturfern ausgebaute Boize befindet sich auch mit ihrer Ichthyo-Fauna in einem naturfernen Zustand. Der ehemals artenreiche Fischbestand mit einer Dominanz rheophiler Arten wird nunmehr von den vier eury√∂ken Arten Hecht, Aal, Gr√ľndling und Dreistachliger Stichling bestimmt.

Einige fr√ľher typische Arten sind verschollen oder nur noch in bedeutungslosen Restbest√§nden vorhanden. Der Aalbestand ist mangels Aufstiegsm√∂glichkeiten aus der Elbe nur durch Aal-Besatz zu halten.
Allgemeiner Strukturmangel, die Armut an strömungsberuhigten Bereichen, Versandung/Verschlickung des Kies-Interstitials und ein fischfeindliches Wasser-Management besonders im Winter limitieren die Vermehrung der vorhandenen Arten und verhindern die Entwicklung eines artenmäßig ausgewogenen und der Gewässerproduktivität angepassten Fischbestandes.

Dieser Effekt lässt sich auch durch Fisch-Besatz nicht auffangen.
Weitere, den Fischbestand sch√§digende Effekte sind vorhanden, k√∂nnen aber in ihrer Relevanz nicht eingesch√§tzt werden. Dazu z√§hlen Verdichtung und Sch√§digung sensibler Uferzonen durch Beweidung und Hufschlag sowie die Mobilisierung bodengebundener, kiemensch√§digender Eisenverbindungen durch stark wechselnde Grundwasserst√§nde und deren Eintrag in die Boize vermittels Sickerwasser-Austritt an gesch√§digten Ufern sowie √ľber Meliorationsgr√§ben.

Au√üerdem spielen eine Rolle der Eintrag eutrophierender Substanzen aus der Landwirtschaft und der Eintrag von Depotgiften √ľber die Regenentw√§sserung der A 24 und deren anschlie√üende Anreicherung in der Nahrungskette bis hin zur pathogenen Wirkung bei Fischen als Endglieder dieser Nahrungskette.

Dieser Text wurde im Juni 2003 verfasst und uns freundlicherweise zur Verf√ľgung gestellt.


Nachtrag 19.10.2007:
Bei Bestandskontrollen mittels Reuse und E-Fischen in den Jahren 2004 und 2007 kam folgendes zutage:

Der Aalbestand ist zahlenmäßig gut, aber wenige grössere Exemplare sind vorhanden.
(Im Juni 2007 und zuvor wurden Satzaale eingebracht)
Hechte sind zahlreich vorhanden, jedoch selten √ľber 45 cm.
Der Steinbeisser ist erfreulicherweise wieder häufig vertreten.
Der Flussbarsch ist vertreten, aber immer noch sehr sporadisch.
Der Bestand an Gr√ľndlingen ist gut.
Verhältnismäßig wenige Weissfische sind im Bach,
einige wenige Döbel und Alande wurden gefangen, sowie Plötzen und auch Hasel.
Der Neunstachlige Stichling kommt vor, aber sehr selten.
Bachneunaugen sind √ľberall vorhanden, Flussneunaugen wurden im Stadtbereich beobachtet.
Bachforellen wurden 2004 gefangen, jedoch 2007 beim E-Fischen nicht mehr nachgewiesen.

Quappe und Ukelei wurden leider nicht nachgewiesen.

Zur√ľck zum Seitenanfang